Die Eine-Welt-AG in Indien

Ein halbes Jahr Vorbereitung für zwei Wochen Indien – und dennoch stellte sich einen Tag vor dem Abflug die Frage, ob wir überhaupt abfliegen können. Unserer Airline wurde die Starterlaubnis verweigert und somit unser Flug gestrichen. Sonderlich viel Zeit, eine Lösung zu finden, blieb ebenfalls nicht, denn unsere Reise sollte über die Osterferien hinweg stattfinden und viele andere der zwanzig Reiseteilnehmer des „Adivasi-Tee-Projekts“ (ATP) hatten sich über diesen Zeitraum hinweg freigenommen.

Wie gut, dass es der ATP-Angestellten und bereits erfahrenen Indien-Reisenden Petra Bursee trotzdem gelang, innerhalb von zwei Tagen neue und bezahlbare Flüge zu buchen und dazu die Anreise an den Frankfurter Flughafen zu organisieren! Wir, die fünf Schüler der eine Welt-AG, sowie unser Lehrer Herr Bluhm konnten somit am folgenden Montag um 4 Uhr unsere Reise antreten und uns mitsamt unserer Reiserucksäcke – die uns in den folgenden Tagen noch einige Rückenschmerzen bescherten – auf den Weg machen. Von Frankfurt nach Doha, von Doha nach Bangalore, von Bangalore nach Mysore: Nach gut einem Tag hatten wir unser Ziel endlich erreicht und nutzten die erste Gelegenheit, um ein wenig Schlaf nachzuholen. Die wenigsten von uns waren solch lange Flüge gewohnt oder zuvor überhaupt schon einmal geflogen.

Indien begrüßte uns nach unserer knappen Erholung mit gutem Wetter, unzähligen Farben und lauten Straßen, die wir bei unserer Fahrt in die Innenstadt erkundeten. Die Fahrer der Auto-Rikschas brachten uns in Dreiergruppen durch den für uns ungewohnten Linksverkehr. Neben vielen Motorrädern, auf denen oftmals ganze Familien samt Hund und Kleinkind transportiert wurden, begegneten uns an den Straßenrändern auch mehrmals die in Indien heiligen Kühe, die dort mit den Menschen Seite an Seite leben. Unser wichtigster Punkt auf der To-do-Liste war das Kaufen indischer Kleidung, denn selbst bei Temperaturen von fast 40 Grad kleiden sich die Einwohner in sehr dünnen, aber langen Gewändern. Bis in die Abendstunden erledigten wir unsere Einkäufe, schlenderten über die vollen und belebten Märkte und erlebten sogar einen Einsatz der indischen Feuerwehr, als eine Stromleitung in Flammen aufging und daraufhin der Strom in einer Vielzahl von Läden ausfiel. Leider blieb uns nicht viel mehr Zeit in Mysore, nämlich lediglich noch ein Teil des darauffolgenden Tages, der uns zwei Möglichkeiten bot: Der Besuch des Palastes oder des Tempels, die uns beide Einblicke in die indische Kultur und Geschichte geben konnten.

Der Kern und Grund unserer Reise erwartete uns in Gudalur, einer Stadt im Distrikt Nilgiris. Nachdem wir in Mysore im „Green Hotel“ untergebracht worden waren, einer Unterkunft direkt an den Straßen der recht lauten Stadt, erwartete uns dort die idyllische, sehr grüne „Gouri Farm“, die zwar zentral liegt, aber einige Straßen vom Kern der Stadt entfernt ist.

Begrüßt wurden wir sehr herzlich und mit einer Auswahl an indischen Spezialitäten, woraufhin wir den Abend mit den Bekannten, Freunden und Mitgliedern des Projektes verbrachten. Die englische Sprache machte uns glücklicherweise kaum Probleme, dafür aber zu Beginn der Kontakt zu den Indern, die wir überwiegend noch nicht kannten. Glücklicherweise durften wir jedoch in den folgenden Tagen feststellen, dass die erste Barriere recht schnell überwunden war und somit schnell Gespräche und Diskussionen stattfinden konnten, die sowohl neue Bekanntschaften als auch neue Informationen über die Fortschritte des ATP brachten.

Um eben jene Informationen weiter auszutauschen, machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg zur nahegelegenen Adivasi-Schule. Der Direktor Rahul, den wir bereits von seinem Besuch in Deutschland kannten, stellte uns dort den Alltag der Schulkinder und Lehrer vor, die leider zu diesem Zeitpunkt in den Ferien waren.

Unser Programm beinhaltete viele solcher Veranstaltungen, die uns allen das Projekt näherbrachten und uns Indien von seiner spannendsten Seite vorstellte. So durften wir in den folgenden Tagen die Kaffee-Plantage besichtigen, deren Kaffee wir auch in Deutschland verkaufen. Zusätzlich sahen wir auch die Verpackungsstelle der in Indien produzierten Waren, die unter anderem zu uns geliefert werden. Dadurch wurde uns ein direkter Bezug für unseren fortwährenden Verkauf geliefert, der uns positiv in Erinnerung geblieben ist.

Ein weiteres Herzstück unserer Reise war der Kontakt zu den Indern selbst. So hatten wir Gelegenheit, uns mit indischen Jugendlichen zu treffen, uns zu beschenken und darüber auszutauschen, wie der Alltag in unseren Ländern aussieht und was unser Leben im Moment beeinflusst. Letzteres wurde vor allem durch unsere Übernachtung in abgelegenen Dörfern der Adivasis möglich, die uns in Kleingruppen für einen Tag aufnahmen und an ihrem Leben teilhaben ließen. So schwammen einige von uns nachts im Fluss, machten am Morgen einen Spaziergang in die Berge oder konnten einfach die Stille der Natur genießen.

Leider musste unser Programmpunkt der Teeplantagen-Besichtigung ausfallen, da das Wetter an diesem Tag ständig wechselte. Während die Temperaturen am frühen Mittag zu hoch waren, um eine Wanderung anzutreten, kamen wir bei unserem Weg zur Plantage in einen Regen, der die erdigen Straßen aufweichte und es verhinderte, dass wir weitergehen konnten. Somit mussten wir wieder umkehren, erlebten dafür aber einen schönen Spaziergang durch Indiens Natur, der auch ein wenig Spannung mit sich brachte. Schließlich brauchte es für jeden ein wenig Überwindung, durch die tiefen Pfützen der gefluteten Straßen zu waten oder einen Umweg durch das dichte Gestrüpp zu nehmen.

Neben unseren das ATP umfassenden Aktivitäten waren auch einige eher touristische Programme inbegriffen. So machten wir uns bereits am frühen Morgen auf den Weg, um Vögel zu beobachten, von denen unser Guide jede Art benennen konnte und unser Wissen rund um wilde Tiere in Indien etwas auffrischte. Ein Highlight unserer Reise umfasste den Ostersonntag, den wir als Gäste bei Mari und Stan, Mitbegründern der Organisation „Accord“, verbrachten. Als Abwechslung zu dem sonst sehr scharfen, meist mit Reis servierten Essen wurden wir dort unter anderem mit fantastischer Pasta bekocht.

Wir genossen vor allem den Ausblick hinab in das Tal und auf weiter entfernte Berge, die wir allesamt überblicken konnten, während die Sonne an diesem Tag wieder ihr Bestes gab, um unsere Haut ein wenig zu bräunen. Bei dieser angenehmen Stimmung erlebten wir alle zusammen eine kleine Andacht, die jeder Teilnehmer unsere Gruppe, Christ oder nicht, sehr genoss und einige von uns sogar zu Tränen rührte.

Die letzten Tage unserer Reise verbrachten wir in Bangalore. Die Zwölf-Millionen-Einwohner-Stadt war ein unbeschreiblicher Kontrast zum vergleichsweise kleinen Gudalur und überraschte damit selbst unsere Mitreisenden aus Berlin. In der sehr lauten und aufgeregten Stadt waren wir in einer Studentenunterkunft untergebracht, die man sich als von befahrenen Straßen und hohen Häusern umgebenen grünen Fleck vorstellen kann. Während es uns aus Lauffen etwas früher in die Großstadt zog, reisten manche der Teilnehmer erst einige Tage später an; andere waren bereits einen Tag vor uns angekommen. Somit zerteilte sich unsere große Gruppe wieder in kleinere Gruppierungen, in denen wir die übrige Zeit so gut wie möglich nutzten. So besuchten wir das „Museum of Modern Arts“, erledigten die letzten Einkäufe für Familie und Freunde und verbrachten einige Stunden in den wunderschön angelegten Parks.

Unsere Reise nach Indien ist und bleibt unvergesslich, für alle Teilnehmer, die das erste Mal Indien bereisten – ein Land, das sich komplett von dem unseren unterscheidet –, aber auch für die Reisenden, die Indien seit Jahren regelmäßig besuchen. Uns bleiben Erinnerungen, neue Bekanntschaften, Anregungen für unser Projekt sowie zahlreiche Momentaufnahmen in Form von Bildern, die wir allesamt während dieser Reise machten. In diesem Sinne: Danke für diese zwei Wochen, Indien! Hoffentlich sehen wir uns wieder.

Marisol Rinderer, Kl. 11